Hintergrund: Dr. Wittigs Detektor als technologische Grundlage
In seinem Beitrag Spoofing und Jamming: Erkennung und Abwehr vom 22. Juli 2025 erläuterte Dr. Manfred Wittig, Experte für globale Navigationssatellitensysteme und Ambassador des European Media & Content Pool EMCP, die Herausforderungen beim Detektieren von GNSS-Spoofing- und Jamming-Angriffen. Nominale Signale sind sehr schwach, versinken im thermischen Rauschen und müssen in einem sehr kurzen Zeitfenster (≈ 0,01 Sekunden) über ein breites Frequenzband (bis zu 20 MHz) erkannt werden. Bedingungen, die Detektoren an ihre Grenzen bringen.
Trotz dieser Widrigkeiten entwickelten Dr. Manfred Wittig und Prof. Dr. Otto Koudelka erfolgreich einen GNSS-Spoofing-Detektor: Getestet unter reproduzierbaren Bedingungen mit Daten aus über 600 km Flughöhe (über der Ukraine und Syrien) zeigte sich, dass der Detektor sehr schwache Störsignale zuverlässig und zeitkritisch erkennen konnte.
Der Vorfall: GPS-Störung bei EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyens Flugzeug
Am 1. September 2025 kam es während des Landeanflugs auf den Flughafen Plowdiw in Bulgarien zu massiven GPS-Störungen. Die Maschine von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen musste ohne GPS navigieren, landete aber schließlich sicher mithilfe bodengestützter Verfahren wie ILS (InstrumentenLandeSystem) und Papierkarten. Behörden gehen von gezieltem Jamming aus und machen Russland für den Fall rund um von der Leyens Flugzeug verantwortlich
Solche GPS-Störungen sind kein Einzelfall: Seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine haben sich derartige Vorfälle besonders rund um die Schwarzmeerregion und der Ostsee signifikant gehäuft1.
Die Antwort: Galileo OSNMA & verstärkte Raumfahrt-Infrastruktur
Als Reaktion auf solche Angriffe hat die EU Ende Juli 2025 Galileo2 OSNMA (Open Service Navigation Message Authentication), einen Authentifizierungsdienst, offiziell aktiviert. Er versieht zivil nutzbare Navigationsdaten mit einer digitalen Signatur, die eine nachträgliche Verifikation ermöglicht. Galileo sendet zunächst verschlüsselte Navigationsdaten, die dazugehörigen Schlüssel (Keys) folgen verzögert, typischerweise zwischen 30 und 300 Sekunden später. Ein gefälschtes Signal kann folglich insofern schnell enttarnt werden, als dass Angreifer in Echtzeit gar nicht die richtige Signatur kreieren können.
Zusätzlich plant die EU, die Zahl der Satelliten im niedrigen Erdorbit (LEO – Low Earth Orbit) zu erhöhen.
Zwischen Technik und Politik: Dr. Wittigs Detektor und Europastrategie als komplementäre Ansätze
Dr. Wittigs technologische Innovation liefert Detektion auf der Empfängerseite, ist also ein Frühwarnsystem für lokal angebrachte Sensorik. Galileo OSNMA auf der Senderseite stärkt die Signalquelle durch verschlüsselte Authentifizierung. Ergänzt durch weitere LEO-Satelliten verbessert die EU die Resilienz ihrer Navigationsinfrastruktur durch stärkere Signale sowie durch eine erhöhte regionale Abdeckung.
Der Fall um den Flug der EU-Kommissionspräsidentin verdeutlicht: GPS-Störungen sind keine hypothetische Bedrohung, sondern Realität mit geopolitischer Brisanz und erheblichen Flugverkehrsrisiken.
EMCP VERTEX-TV konnte mit Dr. Manfred Wittig über Bedrohungen durch Spoofing und mögliche Lösungsansätze sprechen.
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Fußnoten
