Scheitern als Chance

Ein Artikel von Sophie von Bohlen und Halbach und Norbert Frischauf

Was wir nach 40 Jahren aus dem Katastrophenjahr 1986 gelernt haben

Scheitern als Chance klingt nach einem dieser Slogans, die im Alltag selten gelebt werden. Und doch gibt es Momente in der Geschichte, in denen Scheitern so sichtbar, so schmerzhaft und so unumkehrbar war, dass es keine Ausflüchte mehr gab. 1986 war ein solches Jahr.

Innerhalb weniger Monate ereigneten sich drei Katastrophen, die sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben: der Absturz der Raumfähre Challenger, die Explosion des Reaktors in Tschernobyl und der Chemieunfall beim Basler Konzern Sandoz. Auf den ersten Blick stehen diese Ereignisse für technisches, organisatorisches und moralisches Versagen, immer mit der Konstante, dass Warnungen ignoriert und Risiken relativiert wurden – nicht aus Böswilligkeit, sondern immer in der Hoffnung, dass „es schon gut gehen wird“. Mit historischer Distanz jedoch zeigen sie etwas anderes: Sie wurden zu Katalysatoren für Lernen, Reformen und nachhaltige Verbesserungen.

Der 28. Januar 1986 markierte einen Wendepunkt für die bemannte Raumfahrt. Die Explosion der Challenger kurz nach dem Start und der Tod der siebenköpfigen Besatzung war das Ergebnis einer Kultur, die Zeitpläne über (offen geäußerte) Sicherheitsbedenken stellte. Die anschließenden Untersuchungen der Rogers Commission1 führten zu einer radikalen Selbstprüfung bei der NASA: technische Reviews wurden verschärft, Kommunikationswege geöffnet, die Verantwortung von Ingenieuren gegenüber dem Management gestärkt. 

Space Shuttle Challenger-Katastrophe

Nur wenige Monate später offenbarte die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ein systemisches Versagen ganz anderer Art. Geheimhaltung, politische Dogmen und eine Sicherheitskultur, die Fehler nicht zuließ, verschärften die Folgen.2 Langfristig jedoch veränderte Tschernobyl die Welt: internationale Meldepflichten für nukleare Zwischenfälle wurden etabliert, Sicherheitsstandards erhöht, unabhängige Aufsichtsbehörden gestärkt. Vor allem aber entstand die Einsicht, dass Sicherheit ohne Offenheit eine Illusion ist.
Fehler sind ein großartiger Lehrmeister – wenn man ehrlich genug ist, sie einzugestehen.“ (Alexander Solschenizyn)

Quelle: IAEA Imagebank – 02790015, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63251598 (→)

Der Chemieunfall bei Sandoz am 1. November 1986, ausgelöst durch einen Brand in einem Lagerhaus, färbte den Rhein blutrot. Die öffentliche Empörung in den Anrainerstaaten zwang Politik und Wirtschaft zum Handeln. Internationale Umweltabkommen entstanden, Frühwarnsysteme wurden eingeführt und strengere Chemikaliengesetze folgten.3 Unternehmen begannen, ökologische Risiken nicht mehr als Randthema, sondern als Teil ihrer unternehmerischen Verantwortung zu begreifen. 

Quelle: https://www.srf.ch/news/schweiz/schweiz-schweizerhalle-brand-vor-30-jahren-eine-nacht-des-schreckens (→)

Was verbindet diese drei so unterschiedlichen Ereignisse? Sie machten sichtbar, was sonst im Verborgenen bleibt. „Im Schatten fehlerhafter Handlungen werden Gewohnheiten, Organisationsprinzipien und Entscheidungsstrukturen sichtbar, die für individuelle Lernprozesse genutzt werden können“, sagt Prof. Theo Wehner von der ETH Zürich.4 Darin liegt die produktive Kraft des Scheiterns: Es zwingt Systeme, sich selbst zu reflektieren und Menschen, Verantwortung zu übernehmen.

Innovation und Fortschritt entstehen nicht im fehlerfreien Raum, sondern dort, wo Fehler ernst genommen und analysiert werden. Organisationen, die Scheitern tabuisieren, erstarren. Jene, die es analysieren, gewinnen Resilienz. „Erfolg ist die Fähigkeit, von Misserfolg zu Misserfolg zu gehen, ohne den Enthusiasmus zu verlieren.“ (Winston Churchill)

1986 war ein Jahr der Katastrophen und paradoxerweise ein Jahr des Fortschritts. Die Lehre daraus ist unbequem, aber klar: Scheitern ist unvermeidlich. Entscheidend ist nicht, ob wir scheitern, sondern was wir daraus lernen. „Auch Umwege erweitern unseren Horizont“, schrieb Ernst Ferstl. Wer bereit ist, Fehler einzugestehen, aus ihnen zu lernen und Strukturen zu verändern, verwandelt Niederlagen in langfristige Stärke.


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