Hope is not a strategy

Ein Artikel von Sophie von Bohlen und Halbach und Norbert Frischauf

Warum „Disaster Prevention“ heute eine Führungsaufgabe ist

Hope is not a strategy“1 bringt auf den Punkt, was moderne Katastrophenvorsorge auszeichnet: Hoffnung ist menschlich, aber der Schutz ganzer Systeme darf nicht auf Hoffnung beruhen. Er muss vorbereitet, belastbar und lernfähig sein.

Unter „Disaster Prevention“ versteht man alle Maßnahmen, die darauf abzielen, sowohl die Eintrittswahrscheinlichkeit von Katastrophen als auch deren Auswirkungen signifikant zu reduzieren. Gute Vorbereitung ist ein strategisches Mittel, um Handlungsfähigkeit zu sichern und Schäden zu begrenzen.

Prävention als systemischer Ansatz

Katastrophenvorsorge / Disaster Prevention ist per Definition schwer in einer einzelnen Maßnahme zu fassen. Sie ist eingebettet in ein dichtes Geflecht nationaler und internationaler Regelwerke – von Bundes- und Landesgesetzen über europäische Normen (CEN) bis hin zu internationalen Standards (ISO). Diese betreffen u.a. Verkehrs- und Gebäudesicherheit über Brandschutz, Raumplanung, industrielle Sicherheit bis hin zu internationaler Zusammenarbeit.

Gemeinsam ist allen Regelwerken der Grundgedanke, dass Risiken nicht nur verwaltet, sondern vorweggenommen werden müssen. Vorbereitung umfasst daher Recherche, Risikoabschätzung, Planung, Ressourcenaufbau, Ausbildung, aber auch immer wiederkehrende Übungen und Tests unter realistischen Bedingungen.2

Quelle: https://www.maschinen-sicherheit.net/07-seiten/2250-ALARP-Prinzip.php (→)

International prägt insbesondere das United Nations Office for Disaster Risk Reduction (UNDRR) das Verständnis moderner Prävention. Es definiert Katastrophenvorsorge als „alle Aktivitäten zur Vermeidung bestehender und neuer Risiken“3. Prävention zielt darauf ab, negative Auswirkungen nahezu vollständig zu vermeiden, auch wenn klar ist, dass nicht alle Risiken eliminierbar sind. Entscheidend ist daher die Reduktion von Verwundbarkeit und Exponiertheit.

Der Sendai-Rahmen für Katastrophenvorsorge 2015–20304 liefert dafür den strategischen Fahrplan. Er formuliert sieben globale Ziele:

  1. Reduktion der weltweiten Katastrophensterblichkeit
  2. Reduktion der Anzahl der Betroffenen durch Katastrophen
  3. Reduktion der direkten wirtschaftlichen Verluste durch Naturkatastrophen
  4. Reduktion der Schäden durch Katastrophen an kritischer Infrastruktur
  5. Umsetzung der Strategien in den Ländern erhöhen
  6. Verbesserung der internationalen Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern
  7. Verbesserung der Verfügbarkeit und des Zugangs der Bevölkerung zu Frühwarnsystemen

Seine vier zentralen Prioritäten sind dabei besonders relevant:

  • Risiko verstehen,
  • Governance stärken,
  • in Resilienz investieren und
  • Vorsorge für eine effektive Reaktion verbessern.

Diese Prioritäten gelten für Naturgefahren ebenso wie für menschengemachte Risiken wie Cyberbedrohungen oder geopolitische Spannungen.

Kritische Infrastruktur: wo Hoffnung besonders gefährlich ist

Nirgends ist der Satz Hope is not a strategy relevanter als im Bereich kritischer Infrastruktur. Energie, Kommunikation, Navigation, Transport, Gesundheit und Versorgung bilden das Rückgrat moderner Gesellschaften. Fällt eines dieser Systeme aus, sind Kaskadeneffekte eher die Regel als die Ausnahme.

Besonders deutlich wird diese Abhängigkeit bei der Satelliteninfrastruktur. Navigation (GNSS), Zeitstempel, Kommunikation, Erdbeobachtung und Frühwarnsysteme sind zentrale Elemente staatlicher und wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit. Gleichzeitig zählen Spoofing und Jamming von Satellitensignalen5 längst zu realen Bedrohungen im militärischen Kontext, aber ebenso für die zivile Luftfahrt, Schifffahrt, Logistik, Energie- und Finanzsysteme.6

Prävention bedeutet hier:

  • frühzeitige Risikoanalysen (Was passiert bei Signalverlust, Manipulation oder Ausfall?),
  • technische Resilienz (Redundanzen, alternative Systeme, Inselbetriebsfähigkeit),
  • organisatorische Vorbereitung (klare Verantwortlichkeiten, Eskalationspfade),
  • regelmäßige Übungen unter realistischen Störszenarien.

Unternehmen als gelebte Prävention

Große Organisationen haben diese Logik längst verinnerlicht. Für Unternehmen aus dem Bereich der kritischen Infrastruktur ist Katastrophenvorsorge ein permanenter, systemischer Prozess. Ziel ist nicht die Vermeidung jeder Störung, sondern die systematische Reduktion von Eintrittswahrscheinlichkeit, Auswirkung und Wiederherstellungszeit. Georedundante Rechenzentren, selbstheilende Netze, mehrfach abgesicherte Stromversorgung, physisch gehärtete Knotenpunkte, 24/7 Network Operations Center, Krisenstäbe, Frühwarnsysteme und regelmäßige Blackout-Simulationen sind Mittel der internen Disaster Prevention.

Ähnlich agiert die European Space Agency (ESA). Ihre Arbeit dient zunehmend der Prävention: Erdbeobachtungssatelliten liefern Daten zur Früherkennung von Naturkatastrophen, unterstützen zivile Behörden und ermöglichen internationale Koordination. Auch die Planetary-Defence-Programme folgen derselben Logik: Risiken werden nicht verdrängt, sondern beobachtet, analysiert und vorbereitet adressiert. Ein gutes Beispiel hierfür ist die HERA-Mission der ESA, eine planetare Verteidigungsmission zu einem erdnahen binären Asteroidensystem. Hier sollen Methoden entwickelt werden, wie die Menschheit vor dem Einschlag eines Asteroiden geschützt werden kann.

Quelle: https://www.esa.int/Space_Safety/Hera/Hera_mission_overview (→)

Betreiber kritischer Infrastruktur investieren daher zunehmend in Inselbetriebsfähigkeit, redundante Lieferketten, Ersatzstandorte, Backup-Personal, Stresstests, einsatzbereite Krisenstäbe und gemeinsame Übungen mit Behörden. Krisenstäbe bilden dabei die organisatorische Schaltstelle zwischen Lagebild, Entscheidung und Umsetzung. Ihre klare Struktur, regelmäßige Übung und eindeutige Entscheidungsbefugnis sind ebenso entscheidend wie technische Redundanzen. Governance spielt dabei eine Schlüsselrolle: klare Zuständigkeiten, Meldepflichten und dokumentierte Entscheidungsprozesse sind Voraussetzung für Handlungsfähigkeit unter Stress.

Prävention als Führungs- und Governance-Frage

Disaster Prevention lässt sich in einer einfachen Formel zusammenfassen:
„Prävention = Antizipation + Resilienz + Reaktionsfähigkeit + Lernfähigkeit“  

Organisationen analysieren kontinuierlich Szenarien, die nie eintreten sollen, investieren in Systeme, die selten gebraucht, aber existenziell sind, und schaffen Strukturen, die auch unter maximalem Druck funktionieren. Das ist verantwortungsvolle Führung und keine Panikmache.

Auch die persönliche Vorsorge, die Anlage von Wasser- und Lebensmittelvorräten bis hin zu individuellen Warnsystemen, ist sinnvoll und notwendig. Aber entscheidend für Gesellschaften und Staaten ist die Vorsorge auf Systemebene. Wenn Satelliten, Netze, Energie und Kommunikation auch unter den widrigsten Umständen weiterhin zusammenwirken sollen, dann darf Hoffnung kein Planungsinstrument sein.


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