Ein Artikel von Sophie von Bohlen und Halbach und Norbert Frischauf
Souveränität entsteht durch Vernetzung
#Die sicherheitspolitischen Debatten am Rande des World Economic Forum (WEF) 2026 in Davos haben deutlich gemacht, dass europäische Verteidigungsfähigkeit dort entsteht, wo Staaten, Streitkräfte, zivile Technologiepartner und politische Entscheidungsträger gemeinsam Risiken antizipieren. Sicherheit macht nicht an Landesgrenzen halt. Insbesondere der nicht unmittelbar sichtbare Wirkungsraum von Cyber-, Satelliten- und elektromagnetischen Systemen gewinnt als Angriffsziel und damit in der Verteidigung strategisch an Bedeutung.
Spoofing, Jamming und die neue Verwundbarkeit
Spoofing und Jamming sind keine theoretischen Szenarien mehr, sondern reale Bedrohungen für Navigation, Zeitdienste (PNT), Luftverkehr, Energieversorgung und militärische Führungs- und Waffensysteme (siehe Beitrag Spoofing und Jamming: Erkennung und Abwehr). Wer GNSS (Satelliten-Navigation) manipuliert oder stört, greift Technik an, aber auch die Souveränität und Sicherheit eines Landes.
Brigadegeneral Dr. Friedrich Teichmann, Kommandant des IKT & Cybersicherheitszentrum des österreichischen Bundesheeres, weist in Fachbeiträgen1 wiederholt darauf hin, dass Cyber- und Weltraum längst operative Einsatzräume sind. GNSS-Störungen machen nicht an Landesgrenzen halt, deshalb muss hier die europäische Verteidigung ansetzen.
Österreichische Expertise in der GNSS-Resilienz
Das österreichische Bundesheer hat durch die Zusammenarbeit mit anerkannten Experten im Bereich der Telekommunikation und Satellitentechnik (Dr. Norbert Frischauf2, Prof. Otto Koudelka3 und Dr. Manfred Wittig4) schon vor Jahren das Gefahrenpotential von Jamming- und Spoofing-Attacken erkannt.
Um die Auswirkungen solcher Attacken auf GNSS-Empfänger oder vergleichbare Systeme zu überprüfen, wurde am Truppenübungsplatz Seetaler Alpe ein GNSS-Jamming/Spoofing-Testzentrum errichtet. Dort werden in enger Zusammenarbeit mit der Fernmeldebehörde Testszenarien durchgespielt, die die Schwachstellen bestehender Systeme schonungslos offenlegen.
Ziel ist es, diese Systeme zu härten, damit kritische Infrastrukturen unbeabsichtigten und/oder gezielten Störversuchen standhalten können.
Davos als Realraum europäischer Kooperation
Diese Fähigkeit zur Antizipation und Systemhärtung fand ihre praktische Bewährungsprobe auch im internationalen Kontext.
Bei der Sicherung des Luftraums während des WEF in Davos griffen internationale Zusammenarbeit (Schweiz, Deutschland, Österreich), militärische Führung und zivile Hochtechnologie ineinander.
Die österreichischen Streitkräfte setzten dabei auf ein KI-gestütztes System zur Echtzeit-Erkennung von GNSS-Störungen, Spoofing- und Jamming-Versuchen. Die Fähigkeit, Anomalien frühzeitig zu erkennen und PNT-Daten aus unterschiedlichen Quellen zu validieren, stärkt die militärische Lageerkennung und den Schutz kritischer Infrastruktur.
Brigadegeneral Teichmann bringt es auf den Punkt: Moderne Verteidigung basiert zunehmend auf vertrauenswürdigen zivil-militärischen Technologiepartnerschaften, um kritische Ereignisse abzusichern5.
Europäische Luftverteidigung: Grenzen überwinden
Diese Logik setzt sich auf strategischer Ebene fort. Österreichs Air-Chief, Generalmajor Gerfried Promberger, betont im Kontext internationaler Übungen wie DAEDALUS 20266, dass grenzüberschreitende Operationen kein Zukunftsmodell, sondern operative Notwendigkeit sind.
Kinetische, elektronische oder hybride Bedrohungen aus der Luft kennen keine nationalen Grenzen. Europäische Vernetzung wird zum Schlüssel realer Souveränität.
Die Weiterentwicklung der bodengebundenen Luftabwehr, die Integration von Sensorik, Cyber- und Weltraumdaten sowie gemeinsame Führungsstrukturen sind Ausdruck eines Paradigmenwechsels: Abschreckung und Schutz entstehen durch Kooperation, nicht durch Isolation.
Hoffnung ersetzt keine Strategie
Wie EMCP-Fellow Manfred Wittig in seinen Analysen zur kritischen Infrastruktur betont, gilt auch hier: „Hope is not a strategy“.
Europäische Verteidigung bedeutet, kontinuierlich in Systeme zu investieren, die selten sichtbar, aber im Ernstfall entscheidend sind. In Fähigkeiten, die Störungen erkennen, bevor sie Wirkung entfalten. Und in Partnerschaften, die politisch, militärisch und technologisch belastbar sind.
Fußnoten
- u.a.: https://militaeraktuell.at/gnss-brigadier-teichmann-gefahren-im-cyber-raum/ (→) ↩︎
- https://de.wikipedia.org/wiki/Norbert_Frischauf (→), Anchorman for Science, Technology & Innovation im EMCP ↩︎
- https://www.iafastro.org/biographie/otto-koudelka (→) ↩︎
- https://www.researchgate.net/profile/Manfred-Wittig (→) ↩︎
- https://www.gpsworld.com/113911-2/ (→) ↩︎
- https://militaeraktuell.at/daedalus-2026-abschluss-air-chief-promberger/ (→) ↩︎
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